Keine „Erbschuld“, aber verantwortungsvoller Umgang mit der Geschichte
Film über Nachfahren von Nazis an der HWS – Katrin Himmler als Referentin

Wie lebt es sich mit der Gewissheit, ein Nachfahre eines Kriegsverbrechers zu sein? Dieser Frage ging die Initiative „Herz statt Hetze“ in der diesjährigen Filmwoche auch an der Helene-Weber-Schule (HWS) nach. Gemeinsam mit den Schülern der Eingangsklassen des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums und des Berufskolleg 1 wurde der Film „Meine Familie, die Nazis und ich“ geschaut und anschließend reflektiert. Dabei konnten die Schüler ihre Fragen an eine Person richten, die selbst das Schicksal der im Film gezeigten Menschen teilt: Die Politikwissenschaftlerin Katrin Himmler, Großnichte des SS-Reichsführers Heinrich Himmler, Organisator des Massenmordes an den europäischen Juden, diskutierte über den richtigen Umgang mit diesem schweren „Erbe“.

Das Interesse der Schüler war dabei erkennbar hoch: So kam die Frage auf, ob man mit diesem „prominenten“ Nachnamen nicht Probleme bekäme, was Himmler verneinte. Auch sei sie nie persönlich für die Taten ihres Großonkels verantwortlich gemacht worden. Dabei wurde klar, dass Katrin Himmler immer wieder die eigene Familiengeschichte hinterfragt und erforscht hat: 2005 erschien ihr Buch über die Brüder von Heinrich Himmler, die bis dahin als politische Mitläufer gegolten hatten. 2014 folgte ein Buch, in welchem sie bislang unveröffentlichte Briefe und persönliche Notizen von Himmler und dessen Familie präsentierte. Auf die Frage der Schüler, ob sie aufgrund dieser Nachforschungen als „Nestbeschmutzerin“ in der eigenen Familie gälte, musste Himmler differenzieren: Von elterlicher Seite sei sie mehrfach ermuntert worden. Andere Teile der Familie, wie Himmlers Tochter Gudrun, hätten dagegen mit Ablehnung reagiert. Himmler erklärte auf Nachfragen auch, dass man sich selbst jederzeit mit der eigenen Familiengeschichte befassen könnte: Sowohl das Bundesarchiv als auch die WASt (Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht) böten die Möglichkeit, potenzielle Parteizugehörigkeiten von ehemaligen Familienmitgliedern zu erforschen. Entschieden trat Katrin Himmler gegen die Möglichkeit einer eigenen Sterilisation ab, um Nachkommen zu verhindern. Zu diesem drastischen Schritt hatte sich die im Film gezeigte Bettina Göring entschlossen. Diese Entscheidung käme für sie aber nicht in Frage: Diese Wertvorstellung folgt dem Konzept der „Erbschuld“, wie sie die Nazis kannten. Ich sehe diese Schuld nicht bei mir oder meinen Kindern“, wie sie erklärte. Besonders am Herzen liegt ihr auch, den neu aufkommenden Rassismus zu bekämpfen. Dabei erklärte sie auch, dass nicht die Flüchtlingskrise diese Renaissance begründet habe: „Die neue Rechte war schon vorher da, auch die AFD hatte bereits vor der Welle große Erfolge gefeiert“.
Die Stiftung „Herz statt Hetze“ organisierte die Veranstaltung mit der Autorin und den Schülern. Die Stiftung selbst ist mittlerweile zwei Jahre alt. Gegründet wurde sie vor allem, um der „Verrohung der deutschen Sprache im Zuge der Flüchtlingskrise entgegenzuwirken“, wie Alexander Weinlein, der Mitinitiator der Initiative in seinen Grußworten erklärte. Aber auch die Aufklärungsarbeit an Schulen und offen für Toleranz und Demokratie zu werben sei ein wichtiges Anliegen.