„Wir müssen essen, aber nicht etwas, sondern jemanden“ – Aufführung „Auf hoher See“

In die Welt des absurden Theaters führte der Literatur- und Theaterkurs der ZGB und der HWS seine Besucher bei den öffentlichen Aufführungen des satirischen Einakters „Auf hoher See“.

Unter Leitung von Daniela Allin demonstrierten die Nachwuchsschauspielerinnen und -schauspieler Professionalität und Spielfreude gleichermaßen. Das Theaterstück des polnischen Dramatikers Slawomir Mrożek verwandelte die Aula des ZGB-Foyers in eine Arenabühne, deren Eigenheiten (man spielt quasi nach drei Seiten hin) für die Schauspieler große Herausforderungen barg.
Das Schauspiel begann mit einer mitreißenden Tanzeinlage, für deren Choreographie sich Vita Chlopkov, ein Mitglied des Theaterensembles, auszeichnete. Noch während der Darbietung holten die Tänzer die drei eigentlichen Hauptdarsteller, die Schiffbrüchigen, auf die als Floß verkleidete Arenabühne, und das eigentliche Stück begann.
Schnell wird dem Zuschauer die missliche Lage der Protagonisten bewusst: Es ist langweilig und den Notleidenden sind alle Essensvorräte bereits ausgegangen. Eine Lösung muss her! Nicht ohne Hintergedanken beginnt der krawattentragende erste Schiffbrüchige, der sich im Laufe des Stückes als Graf herausstellen wird (charismatisch von Robin Günther gespielt), eine Debatte um Kameradschaftsgeist zu führen. Die gute Erziehung der Anwesenden gebiete es nämlich, dass sich einer von ihnen opfern müsse, damit die anderen überleben könnten. Auch die einzige Dame an Bord des Rettungsfloßes, verkörpert von Franziska Feuerstein, und der zunächst unentschlossene Dritte im Bunde, ein fliegetragender Herr, gespielt von David Rödel, sehen bald die Notwendigkeit dieser Tat – ohne aber die kameradschaftliche Neigung zu verspüren, dieses Opfer zu sein. So werden schon bald die verschiedensten Methoden ausprobiert, um herauszufinden, wer künftig für die Glücklichen als Proviant dienen soll. Doch jeder Versuch einer Einigung hat so seine Tücken: Beim Losen finden sich vier statt drei Stimmzettel in der Urne wider, der anschließende demokratische Wahlgang mitsamt seiner Wahlkämpfe führt zu einer Staatskrise, da keine Einigung erzielt werden kann („der Parlamentarismus hat sich überlebt“), und der Diktatur begegnet man auf dem Floß mit gesunden Widerstand. So wird bald an die Freiwilligkeit, den Patriotismus und die Tat für die Gemeinschaft appelliert, was freilich auch nicht zur Lösung führt, denn nicht jeder „fühlt sich zur Größe berufen“, wie es der Herr mit der Fliege erklärt. Schließlich wird die Gerechtigkeit als Maßstab herangezogen, doch auch diese hat viele Facetten – besonders dann, wenn zwei sich gegen den dritten, in diesem Fall den fliegetragenden Schiffbrüchigen, verbünden.
Endgültig kompliziert wird es dann aber, als ein Postbote (je nach Aufführungstag entweder von Jonathan Noe oder Milka Gross gespielt) und ein altes Kindermädchen des Grafen (Vivien Mai/ Paula Karlin) auftauchen, denn nun verschwimmen die Opfer- und Täterrollen. Schließlich, da sind sich alle drei Überlebenden einig, könnte man auch den Postboten essen, denn die Post gehöre ja der Allgemeinheit.
Am Ende muss dann der Volksentscheid her – und das Volk ist in diesem Fall kein geringerer, als der Zuschauer selbst. Der Ausgang überrascht dann doch – und wird durch eine kritische Diashow, die Denkanstöße zu dem Themenkomplex „Opfer/ Täter“ bietet, kritisch erweitert.
Bei der abschließenden Danksagung erklärte Regisseurin Daniela Allin, dass man bei der Planung viele Ideen gehabt, diese probiert und wieder verworfen hätte. Zwei intensive Monate der Probe lägen hinter ihnen – keine lange Zeit, wenn man sich das Stück ansehe. Ihr Dank richtete sich auch an die Mitwirkenden des Theaterkurses, die dieses Mal das Bühnenbild (Simon Fichtmüller/ Astrid Brandau), die Technik (Marius Haag, Can Akdere, Paula Karlin, Simon Fichtmüller) und die Werbung (Nicole Jaufmann, Paula Karlin) übernommen, also nicht auf der Bühne selbst gestanden hätten.